Modelle von Bindungen

Wie schon auf der Seite über Atommodelle werden auch hier nicht alle Modelle, die sich die Chemiker von den Bindungen gemacht haben, ausführlich besprochen. Das finden Sie in jedem guten Schulbuch. An anderer Stelle des Projekts „Struktur der Stoffe” finden Sie einen Vergleich der Bindungsarten. Auf dieser Seite soll der Modellcharakter von einigen Bindungsmodellen genauer unter die Lupe genommen werden. Dabei geht es um die Fragen :

Im einzelnen geht es auf dieser Seite um

Schubladendenken

In der Anfangszeit der wissenschaftlichen Chemie wusste man über die Bindungen zwischen Atomen kaum mehr, als dass sie existieren. Welche Mechanismen es wohl sein mögen, die die Atome zusammenhalten, war völlig unbekannt. In einer solchen Situation ist es natürlich sehr schwer, ein Modell aufzustellen, das alle Bindungen in ihrer riesigen Vielfalt beschreibt. Im Laufe der Zeit fand man (durch Beobachtungen in unzähligen Experimenten) immer wieder Stoffe, die anderen in ihren Eigenschaften und besonders in ihren Reaktionen ähnelten. Könnte man es sich vielleicht so vorstellen, dass bei einer Reaktion Bindungen gelöst und neue Bindungen geschaffen werden ? Und dass die Ähnlichkeit der Reaktionen auf Ähnlichkeiten der Bindungen beruhen ? Damit haben wir die Grundlage zu Modellen gelegt, die Bindungen beschreiben. Die Weiterführung dieser Überlegungen führte zu 3 Modellen von Bindungen.

Ein Vorteil der Ionenbindung und der Metallbindung ist, dass diese beiden Modelle recht anschaulich und daher leicht zu verstehen sind. Man braucht dazu kaum mehr Vorkenntnisse als „Plus und Minus ziehen sich an”, und natürlich das Bohrsche Atommodell.

Aber was ist mit der Atombindung ? Wie soll man es sich vorstellen, dass Elektronen gemeinsam genutzt werden ? Sind die Elektronen mal bei dem einen Atom, dann beim anderen ? Oder eher in der Mitte zwischen den Atomen ? Aber angeblich kreisen sie doch um die Atome, wie soll das gehen, wenn sie sich zwischen den Atomen aufhalten ? Fragen über Fragen, die im einfachen Modell der Atombindung offenbleiben. Sie können mit Hilfe des Bohrschen Atommodells nicht beantwortet werden, und sie können nicht mit Hilfe von Gesetzen der klassischen Physik beantwortet werden.
Keine Antwort auf die Frage, wie die Atombindung funktioniert, aber eine schöne Veranschaulichung sind die bekannten Valenzstrichformeln (links ist die von Methan gezeichnet). Diese Formeln sind suggestiv. Sie erwecken den Eindruck, die Atome werden durch den Strich zwischen ihnen zusammengehalten so wie ein Verbindungsbolzen 2 Werkstücke zusammenhält. Eine Erklärung sind sie nicht. Damit haben wir einen großen Nachteil des Modells der Atombindung erkannt. Aber trotzdem ist es praktikabel. Man kann sich ein Bild vom Bau der Moleküle machen und damit chemische Reaktionen verstehen.

Was kann man mit den 3 Modellen erklären ? Unzählige Beobachtungen, von denen hier nur wenige als Beispiel genannt seien.

Was kann man mit den 3 Modellen nicht erklären ? Immer noch eine ganze Menge, zum Beispiel

Lange Zeit hat man versucht, alle Bindungen mit einem dieser 3 Modelle zu beschreiben, sie also in eine von 3 Schubladen zu stecken.

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Die Schublade geht auf

Mit der Zeit lässt es sich nicht mehr übersehen, dass es Stoffe gibt, die sich nicht gut mit einem der 3 Modelle von oben beschreiben lassen. Aluminiumchlorid zum Beispiel sieht aus wie ein Salz, es hat aber einen viel niedrigeren Schmelzpunkt als die meisten Salze, und seine Lösung reagiert nicht neutral, wie man es von Salzlösungen gewohnt ist, sondern sauer. Ein anderes Beispiel ist Wasser. Wieso ist es ein Dipol ? Wieso bilden sich Wasserstoffbrückenbindungen ? Mit dem Modell der Atombindung kann man diese Erscheinungen nicht erklären. Die Bindung in diesen und vielen anderen Stoffen scheint keine Ionenbindung und keine Atombindung zu sein, sondern von beiden etwas zu haben.

Das Modell der polaren Atombindung setzt seinen Schwerpunkt bei einer genaueren Beschreibung von Bindungen, an denen Nichtmetallatome beteiligt sind. Jedem Element wird ein experimentell ermittelter Zahlenwert zugeordnet, der angibt, wie stark Atome dieses Elements Bindungselektronen anziehen, die sog. Elektronegativität. Zieht in einer Bindung A–B das Atom A die Bindungslektronen stärker an als B, so sind sie nicht wie in der Atombindung „gleichmäßig” zwischen den beiden Atomen aufgeteilt, sondern mehr zu A hin verschoben. Die Bindung ist polar.

Dieses Modell hat 2 gewichtige Vorteile. Es ist, jedenfalls für Erfahrene, anschaulich und leicht verständlich, und man kann vieles damit erklären, zum Beispiel

Endlich ein Modell, das Reaktionen beschreibt. Es wurde auch Zeit.

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Das Bindungsdreieck

Ein erster Schritt war, zu erkennen, dass sich nicht jede Bindung in eine der 3 Schubladen Atombindung, Ionenbindung und Metallbindung einsortieren lässt. Man kann die Wirklichkeit besser durch Übergänge zwischen Atom– und Ionenbindung beschreiben. Aber warum nur zwischen diesen beiden ? Könnte es auch sein, dass es Bindungen gibt, die in ihren Eigenschaften zwischen der Metallbindung und einer beiden anderen liegen ? Ja, sicher gibt es die. Für diejenigen, die gerade anfangen, sich mit Bindungen zu beschäftigen, werden sie gern ausgeblendet. Man sagt, diese Verallgemeinerung wäre zu anspruchsvoll, oder die Zeit reicht nicht.

Deshalb wollen wir uns an dieser Stelle bewusst machen, dass Ionenbindung, Atombindung und Metallbindung einfache Modelle sind, die manches sehr gut, anderes so einigermaßen und einiges nur schlecht beschreiben. Man kann sie als Idealvorstellungen sehen, die bei einigen Stoffen fast perfekt realisiert sind, bei anderen weniger. Es sind eben Schubladen, in die manches hineinpasst, anderes nicht. Ein besseres Modell ist, jede Bindung als Übergang zwischen Atom– und Ionenbindung, oder als Übergang zwischen Ionen– und Metallbindung, oder als Übergang zwischen Metall– und Atombindung zu beschreiben.

Mit Hilfe des Dreiecks oben kann man diese Einordnung deutlich machen. Lesen Sie mehr über die Benutzung des Bindungsdreiecks und viele Beispiele dazu.

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Das Orbitalmodell

Es gibt immer noch vieles, was die bisher besprochenen Bindungsmodelle nicht erklären können. Hier ein Beispiel. Benzol hat die Formel C6H6. Es war eine der großen Leistungen der Chemie, zu erkennen, dass die 6 Kohlenstoffatome im Benzolmolekül ringförmig angeordnet sind, und lange hat man die Formel so gezeichnet wie auf dem ersten Bild links. Aber diese Formel hat 3 Doppelbindungen, und das Molekül müsste dadurch sehr reaktionsfähig sein. Es ist aber reaktionsträge. Messungen an vielen Stoffen haben gezeigt, dass eine Doppelbindung immer einen bestimmten Wert zur Verbrennungswärme eines Moleküls beiträgt. Hätte das Benzolmolekül wirklich 3 Doppelbindungen (und 3 C–C–Einfachbindungen und 6 C–H–Bindungen), so müsste es eine bestimmte Verbrennungswärme haben. Hat es aber nicht. Die Hypothese, das Benzolmolekül habe 3 Doppelbindungen, ist damit widerlegt. Aber wo ist eine bessere ?

Bisher haben wir nur Orbitale von Atomen betrachtet. Kann man das Orbitalmodell von Atomen auf Moleküle verallgemeinern ? Ja sicher. Man kann von der anschaulichen Vorstellung ausgehen, dass sich im Molekül aus den Atomorbitalen neue Orbitale bilden. Sie heißen Molekülorbitale. Die Molekülorbitale haben viele Eigenschaften von den Atomorbitalen geeerbt.

Was kann man mit dem Orbitalmodell erklären ? Alles. Mit genug Zeit, Rechenkapazität und einem tiefgehenden Verständnis des Modells kann man heute jede Beobachtung, bei der es um Eigenschaften oder Reaktionen von Stoffen geht, erklären.

Sehen wir uns dazu noch einmal das Benzol an. Es haben sich neue Orbitale gebildet. 6 Orbitale zwischen jeweils 2 C–Atomen und 6 Orbitale zwischen einem C– und einem H–Atom nehmen insgesamt 24 der 30 Valenzelektronen auf. Die restlichen 6 Valenzelektronen haben einen gemeinsamen Aufenthaltsbereich, der aus 3 Orbitalen besteht. Man nennt diese Orbitale delokalisiert. Der Aufenthaltsbereich hat (leicht idealisiert) die Form von 2 Ringen über und unter der Ebene der Kohlenstoffatome. Die Bindungen im Benzolmolekül werden nicht mehr als Doppelbindungen beschrieben, und alle Probleme, die aus dem einfachen Modell der Atombindung resultierten, sind wie weggewischt.

 

 

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