Wikipedia, Wu wei und meine Seite

Vor einiger Zeit habe ich mir wieder einmal die Statistiken, die mein Provider über meine Seite führt, angesehen. Aufgefallen ist mir, in den Jahren 2005 und 2006 hat ein Besucher im Durchschnitt fast 4 Seiten angesehen, in den Jahren 2013 und 2014 nur noch jeweils 1,77 Seiten. Und ohne Nachzudenken, wie ein Reflex, stehen die Fragen im Raum : Warum ist das so ? Und was kann ich dagegen tun ?

In der letzten Woche habe ich in der Zeitschrift ct (Heft 04/2015, Seite 83) gelesen, wie sich die Wikipedia–Mitarbeiterin Phoebe Ayers beklagt, dass „die Lesebereitschaft und die Verweildauer” sinke. „Meinungsfetzen statt Diskussionen, Bilder statt Blogbeiträgen” heißt es dort. Aha, bei Wikipedia ist es also auch nicht anders. Eine große Organisation, viele, die Beiträge leisten, gewiss auch viele Möglichkeiten der Analyse und des Gegensteuerns, aber die Probleme sind dieselben und Lösungen hat man dort auch nicht.

Die Lesebereitschaft der Nutzer sinkt.
Was bedeutet das für meine Seite ?

An dieser Stelle fällt es leicht, innezuhalten und die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die Frage „Warum ist das so ?” leitet direkt zu einer Bewertung der Situation. Bin ich daran schuld (schlechte Seite gemacht) oder sind die Leser schuld (uninteressiert an guten Texten) ? Der erste Schritt ist daher, sich aus der Bewertungssituation zu lösen. Es ist eben so. Und ob es, wie in ct gesagt, an der zunehmenden Mobilnutzung liegt, ist auch nicht wirklich wichtig.

Der zweite Schritt ist die Reaktion auf das veränderte Leseverhalten der Nutzer. Veränderung findet immer statt, und sie ist wichtig für den Fortschritt der Gesellschaft.

 

Soll ich also meine Seite verändern ? Soll ich vielleicht auch nur noch Wissenshäppchen bieten, schnell geschrieben und schnell gelesen, ohne Tiefe ? Nein, das will ich nicht. Es würde mir keinen Spaß machen, so eine Seite zu schreiben. Und ich will auch nicht jeder Mode und jedem Trend hinterherlaufen, oder etwas machen, nur weil es jetzt alle machen.

Ich werde weiter meine Seite im bisherigen Stil schreiben. Ich werde das tun, weil es mir Spaß macht, genau solche Seiten zu schreiben, wie ich sie schreibe. Es ist das, was ich nach reiflicher Überlegung für das Richtige halte. Meine Seite wird nicht jeden begeistern. Wer jedes Thema in 10 Zeilen abgehandelt sehen will, muss woanders suchen. Wer aber Sorgfalt, Ausführlichkeit und Genauigkeit sucht, wird sie bei mir finden. Diese Leserinnen und Leser sind meine Zielgruppe. Ob sie groß oder klein ist, ist nicht die Frage.

Im Titel stand doch noch Wu wei. Was ist das, und gibt es einen Zusammenhang zum Vorigen ?

Wu wei ist das, was ich mit meiner Internetseite mache. Wu wei ist, das zu tun, was wichtig und richtig ist, aber ohne etwas bewirken zu wollen. Denn würde ich mich unter den Zwang setzen, etwas Bestimmtes erreichen zu wollen, so würde ich genau das Gegenteil erreichen.

Handeln durch Nichthandeln –
das ist die Philosophie von Wu wei.

Viele Menschen setzen sich ein Ziel. Manche setzen sich ein sehr anspruchsvolles Ziel, und andere bekommen ein Ziel vorgeschrieben, das kaum zu erreichen ist. Wer das Spiel mitspielt, gibt sich die erdenklichste Mühe, das zu tun, was verlangt wird. Einige erreichen das Ziel trotzdem nicht und geben eine fehlerhafte Arbeit ab, oder sie müssen ihre halbfertige Arbeit schönreden. Manche werden dadurch unzufrieden oder gar krank. All das ist nicht Wu wei.

Wu wei ist auch nicht Faulsein oder das Leben auf Kosten Anderer. Natürlich soll jede und jeder fleißig arbeiten. Doch soll sich niemand selbst dem Zwang unterwerfen, etwas ändern zu wollen, womöglich noch etwas in einer bestimmten Richtung zu ändern, oder durch seine Arbeit eine bestimmte Veränderung zu erreichen. Man arbeitet eben, und das Universum bestimmt, was es für Auswirkungen hat. Gewiss hat mein Handeln Auswirkungen, aber vielleicht sind es nicht die, die ich erwarte, sondern ganz Überraschende – und das ist gut so.

Wu wei ist „Handeln durch Nichthandeln” – so übersetzt man es aus dem Chinesischen. Für mich passt besser „Handeln durch Geschehenlassen”. Und das ist es, was ich mache, wenn ich meine Seite weiter so schreibe, wie ich sie schreibe, egal ob sie viele oder wenige Menschen lesen. Sie wird gerade dadurch etwas bewirken, dass ich nichts zwangsweise in eine Richtung lenken will, etwa viele Seitenaufrufe haben will.

Wollen Sie mehr über Wu wei wissen ? Meine Buchempfehlung ist : Theo Fischer, Wu wei, rororo–Verlag 2005, ISBN 978–3–499–61980–9.

Beitrag vom 31.01.2015

 

 

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